Im Bademantel durch den Stadtpark: Ein Gespräch zu „Monat des Makaken“

Seit Anfang Oktober sorgt ein geheimnisvolles Konstrukt im Innsbrucker Rapoldipark für Aufmerksamkeit. In einem dem japanischen Onsen nachempfundenen Badehaus, geplant und gebaut von einer Gruppe Architekt:innen und interdisziplinären Künstler:innen, können sich bis zu fünf Personen einen Abend lang zwischen Spielplatz, Parkbänken und verwirrten Passant:innen im heißen Wasser aalen. Nicht nur zum Baden lädt das Projekt aber ein, sondern auch dazu, ins Gespräch zu kommen und sich Fragen zu stellen; Fragen zu unserer Umwelt und zu der Art, wie wir den öffentlichen Raum mit anderen Lebewesen teilen. Wir haben mit Architektin Martina Moro über Monat des Makaken geredet und geben einen Einblick in die Hintergründe des Projekts, das im Zuge der Ausschreibung Kunst im öffentlichen Raum 2021 realisiert wurde.

Becken | Bild: Monat des Makaken

Als wir an einem kalten Oktoberabend den Rapoldipark durchqueren, strahlt uns an der Fassade des länglichen, milchig weißen Badehauses schon von Weitem die Projektion einer Gruppe Affen in einer verschneiten Landschaft entgegen, die sich mit behaglicher Selbstverständlichkeit in einer heißen Quelle wärmt. Hinter besagter Fassade befindet sich ein zum Becken umfunktioniertes Betonrohr, in welchem ein paar Minuten später mit ähnlicher Selbstverständlichkeit eine Gruppe von fünf menschlichen Besucher:innen im heißen Wasser sitzen wird. Ein skurriler Ort der Ruhe und Kontemplation im sonst so turbulenten Rapoldipark. Die Idee für ein öffentliches Badehaus kam bei ihr und ihren Kolleg:innen Fabian Lanzmaier, Lino Lanzmaier, Pia Prantl und Andreas Zißler nach einer Japanreise im Jahr 2019 auf, erklärt Martina Moro: “There, the talk about the process of hot bathing and the aspect of mental and physical health connected to the Onsen started”. Als die Tiroler Künstler:innenschaft dann im Zuge der diesjährigen Ausschreibung für Kunst im öffentlichen Raum das Thema „Staying with the trouble“, bezugnehmend auf die Theorien zur Ko-Existenz von Donna Haraway (mehr dazu hier), bekanntgab, vervollständigte sich die Idee. Der Projekttitel ist dabei ein Verweis auf die badenden Makaken, welche in Japan in Nachahmung ihrer menschlichen Artgenoss:innen die Vorzüge heißer Quellen für sich entdeckt haben.

Im September wurde gebaut, seit Oktober wird gebadet. Die ca. 15 Badetermine für Kleingruppen waren schnell ausgebucht. Über die Gruppenabende hinaus gibt es regelmäßig öffentliche „hosted by …“-Veranstaltungen, bei denen interdisziplinäre Künstler:innen mit ihrem persönlichen gestalterischen Zugang auf den Ort reagieren. Das Team hinter dem Projekt weiß dabei meist selbst nicht, was genau auf sie zukommt. An einem Freitagabend etwa löst die Biologin und Künstlerin Margit Busch mit ihrem Impulsvortrag eine Diskussion über verhaltenstechnische Parallelen zwischen Menschen und Affen aus, am nächsten Tag erklärt Peter Brandlmayr im Hasenkostüm einer Joseph Beuys-Puppe die Kunst (ein Verweis auf dessen Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ von 1965) und verwandelt das Badebecken durch Hineinwerfen von Gemüse symbolisch in einen Suppentopf.

Badehaus, Außenansicht | Bild: Monat des Makaken

Ein Badehaus in einen öffentlichen Park zu stellen, bedeutet eine Uminterpretation von Raum und das Entdecken neuer Möglichkeiten seiner Nutzung. Viele der Besucher:innen finden beispielsweise nach einer doch recht warmen Stunde im Becken auf der Suche nach Abkühlung noch den Weg in den dekorativen Brunnen des Rapoldiparks. Das Projekt gestaltet und diskutiert Koexistenz auf mehreren Ebenen: Die Besucher:innen treffen im Badehaus nicht nur aufeinander, sondern sind gleichzeitig auch dem anderen menschlichen und tierischen Leben im Park gegenübergestellt. Die verschiebbare Außenwand, welche je nach Präferenz der jeweiligen Gruppe den Baderaum zum Park hin öffnet oder nicht, dient gleichzeitig auch als Projektionsfläche. Hier zeigen die Künstler:innen Filmaufnahmen, die sie im Laufe des Monats von der direkten Umgebung, Pflanzen und tierischen Bewohnern des Rapoldiparks machen. Im Zuge des Projekts wird Zusammenleben nicht nur thematisiert, sondern auch auf baulicher Ebene in Form von nachhaltiger Konstruktion umgesetzt: Der auf einen Open Source Bauplan zurückgehende Batch Rocket Oven, welcher das Wasser im Becken auf bis zu 40 Grad erwärmt, braucht wenig Holz und produziert kaum Abgase. 

In der Diskussion nach dem Vortrag von Margit Busch kommen wir auf die Tatsache zu sprechen, dass Ko-Existenz und Ko-Habitation für die meisten Menschen dort endet, wo man etwas vom eigenen Lebensraum und Besitz teilen oder sogar hergeben müsste, eben dort, wo es unbequem wird. Monat des Makaken macht etwas sichtbar, das eigentlich jedem Projekt im öffentlichen Raum anhaftet – tauchen solche Themen in dem Kontext doch von ganz alleine auf. Nach wenigen Tagen begannen kleine Tiere die Konstruktion zu besiedeln, eine der vom Team installierten Kameras wurde gestohlen und möglicherweise von einer Gruppe Kinder im parkeigenen Teich versenkt (so viel lässt sich zumindest mutmaßen, wenn man in der Gegend um den Spielplatz die Ohren offenhält).

Das Projekt ermöglicht ein wenig mehr von dem, was im Stadtraum oft fehlt: ein ruhiger, konsumfreier Ort zum Verweilen, an dem sich viele Spezies gerne aufhalten sowie die Möglichkeit, Raum zu geben und gleichzeitig zu nehmen, auf eine Art, bei der hoffentlich alle Beteiligten, seien es Tiere, Pflanzen oder Menschen, etwas dazugewinnen. 

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komplex: How would you explain the connection between the bath house and the theme of coexistence?

Martina Moro: Through the project, we wanted to take a bit of a deeper look into coexistence in some kind of mixed environment. At a park you don’t just have people, but you also have animals that seek refuge and that are visiting, because people are feeding them. We’ve got bugs here and birds and mice and also obviously pet dogs that are taken to the park. And as we constructed this hut, we realized, we were creating a safe space for animals too. Every morning we have a lot of birds that go under the hut, because this field is obviously an open space for predators. So, when the birds hide under the hut, they have a great view from the middle and can safely check out the place. And the oven accidentally became a house for mice. Just last week we realized that a lot of them were going around there – luckily not inside, so it’s not dangerous for them. They sleep inside the woollen cover, since it stays really warm overnight.

komplex: And you’ve also been documenting cohabitation in the park?

Martina: We use these cameras that are usually used by hunters to study the behaviour of animals in the wild. So, for example in the first week we had a shot of a branch from this tree, and we were watching the footage for around three hours and just kind of falling in love with the leaves moving around. And then, suddenly, a bird landed on the branch. I mean, you see birds all the time, but to manage to catch this little glimpse, this little moment, was so magical.

Autumn is a great season for this, it gave us the chance to see how the leaves are changing, how the wind dictates how many leaves are on a tree, all these things become much clearer once you start to focus on them. The animals are what gets you exited the most, but to see one branch change or behave in the wind, that can get really captivating as well.

Bild: Monat des Makaken

komplex: So, the project gives you the chance to pay more attention to your environment than you usually would?

Martina: Yes, and that is exactly where the bathing comes in. The temperature of the water really slows down your circulation. You might have a guest who is very nervous and thinking “Oh no, I don’t want to do this” but as soon as they are in the tub, there is this switch moment, where you relax and your body temperature gets really high. And you have this projection in front of you, long slow footage of nature, like a spot of grass and then a bird passes by, and our hope is that inside a safe and calming place like a hot tub, you might be able to let go of certain things that may worry you or that you are attached to, and you get to enjoy the footage and take the time for it.

komplex: What was the thought process behind the shape of the building?

Martina: The shape has somewhat of a corridor-feeling, because we wanted to create ritualistic steps for getting into the bath. That’s also why we never go inside with the guests. We tried to make the bath very self-explanatory. When we introduce the people to the place, we only bring them as far as the front door. The rest is something they discover by themselves.

komplex: The project has been going on for three weeks now, how do you feel the people have been responding to it?

Martina: We’ve been getting a lot of positive feedbackFor instance, we had an open bath that we did at the beginning of the month to promote the project a bit. And this sweet little family showed up, I think they passed by in the afternoon and asked “What’s going on here?”, and we explained it to them, and three hours later from Leipzigerstraße they just approached in their bathrobes.

komplex: So, you’ve also been experiencing a mix of different groups of people here?

Martina: Yes, it attracts a lot of attention from passers-by, people who are just visiting the park, they get drawn into understanding what’s happening. It’s a beacon of light already, because of the projection, and if you’re sitting in a park in October and someone passes by in a Bikini, that is just such an absurd moment. And then the people start to ask questions.

Another thing that we didn’t really foresee was the presence of children. When we had the construction site here in September, every day the same group of kids would come by and they were always so interested (“Wann ist der Jacuzzi fertig?”). These kids even helped with the building process, one of them helped us to make the wardobe. So we decided to organize a last minute bath event with bilding. We specifically wanted the kids that are in the park, who come here to play every day, to be involved, and it was really magical. It’s the best, when you do a project for the public and you don’t know how things will go, and then people are enjoying it and suddenly, it really makes sense.

| Delia Salzmann

www.monatdesmakaken.org
www.koer-tirol.at

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